Gestern hatte ich so einen Tag, an dem die Bandbreite nicht größer sein kann. Und an dem thematisch dennoch alles sehr nah beieinander liegt.

Erst am Morgen bei Gunter Erfurt, dem ideensprühenden CEO des Schweizer Solarherstellers Meyer Burger, der am Freiberger Ex-Standort von Solarworld zusammen mit seiner Mannschaft und mutigen Investoren an der Trendwende in Sachen Solar „made in germany“ arbeitet. Am Abend bei einer Bürgerinitiative in Königshain, die seit Jahren verzweifelt dagegen ankämpft, dass sich das wunderschöne, landwirtschaftlich geprägte Umland in eine 200 Hektar große Kiesgrube verwandelt. So unterschiedlich und in der Sache doch so gleich.

Der eine, der voller Elan gegen einen versagenden Markt kämpft, der von chinesischen Subventionen und politischer Ahnungslosigkeit geprägt droht, das fossile Öl- und Gasdebakel der totalen Abhängigkeit auch in Sachen alternative Energien ähnlich festzuschreiben. Denn während Europa monatlich alleine an Russland rund 10 MRD EUR überweist, um nicht im Kalten zu sitzen, würde eine Investition von 10 MRD einmalig dafür sorgen, dass Europa den Bedarf an Solartechnologie künftig selbst produzieren könnte. Wenige Jahre und geschätzt 40 MRD EUR weiter und Europa wäre weitgehend dekarbonisiert. Was dank Zwischenspeichertechnologie auf Wasserstoffbasis oder in Form synthetischer Kraftstoffe einen Lösungsweg hat. Und was langfristig unfassbar billig wäre. Denn den Rest liefert die Sonne und moderne Solartechnologie altert kaum und liefert jahrzehntelang Strom. Plus Wind und Wasserkraft und die Sache hätte tatsächlich einen Plan.

Doch Politik, das allgemeine Mindset der Gesellschaft und chinesische Wirtschaftsstrategie verhindern dies. Gemeinsam. Was uns alle in die nächste Abhängigkeitsfalle führt. Die Abhängigkeit von China. Dort nämlich sorgt man seit Jahren mittels staatlicher Subvention dafür, das chinesische Zellen die Märkte billig überschwemmen können. Hohe Verluste werden in China staatlich ausgeglichen. Mit dem Ziel, den Aufbau des eigenen Know Hows in Europa zu verhindern und die Märkte quasi zu kaufen. Auf das wir dann die Energiewende „made in china“ über Bühne bringen müssten. Eine fatale Abhängigkeit entsteht. Eine wie jene, die wir ja bereits gerade schmerzlich bei Öl und Gas zu spüren bekommen. Muss das? Wir haben lange diskutiert am gestrigen Morgen und sind uns einig. Nein. Muss es nicht. Wir brauchen ein Umdenken und die Erkenntnis, dass wir selbst sehr viel mehr können. Das es sehr klug ist, das Wissen und die Kapazitäten selbst zu schaffen und damit aufzuhören, auch national die Interessen der fossilen Giganten künstlich zu schützen. Und wir waren uns auch sehr einig, dass man hier kommunal auch eine Menge tun kann. In dem man die Möglichkeiten nutzt und eigene Bürgergenossenschaften beflügelt, den Selbstversorgermodus anzustreben. Auf Kreisebene in einem großen Bürgerwerk, das die Erneuerbaren gemeinsam mit den Bürgern investiert. Und von dem die Bürger direkt auch partizipieren. Auf kommunaler Ebene. In den Städten und Gemeinden geht das ebenso. Wenn Politik es will. Oder wir es wollen.

Möglich ist das alles, denn auch die Uni Freiberg forscht an Speichermethoden und da ist schon sehr viel mehr real möglich, als wir alle glauben. Und auch finanziell kann man solche Projekte inzwischen ganz einfach finanzieren. Weil man auf Jahrzehnte sichere Ausblicke der Unternehmung darlegen kann. Wir müssen es nur tun. Mutig sein und ein Ziel haben. Enkeltaugliche, nachhaltige und bezahlbare Energie ist machbar. Wenn wir es tun. Ich danke für dieses sehr intensive Gespräch. Es hat mir viele Fragen beantwortet und mich bestärkt, auch in Augustusburg dieses Vorhaben nun weiter zu betreiben.

Die Anderen. Das ist der „Verein zur zur verantwortungsvollen Nutzung des Lebensraumes Claußnitz“. Was aber hat eine Bürgerinitiative mit den Wirren der Energiewende zu tun? Ganz einfach: Die Muster sind dieselben. Es geht um große Interessen. Und es geht um die Frage, wie man sich als einzelner, kleiner Teil der Gesellschaft in diesen großen Diskurs einbringt.

Bei den Bürgern aus Königshain und Altenhain und Umgebung ist es dabei hicht ganz so kompliziert, wie auf dem interessenverzerrten Weltmarkt. Es geht um den Erhalt von Kulturlandschaft und Lebensraum. Von Landschaft und Landwirtschaft. Dies steht hier im Widerspruch zu einem Gewinnstreben eines Unternehmens. Nicht mehr und nicht weniger. Und darüber hinaus um die Sinnfrage des Projektes. Also die Frage, ob man eigentlich wirklich so viel Sand braucht, dass es den Verlust an Heimat rechtfertigt. Oder ob man nicht lieber versucht, mehr Baustoffe zu recyceln oder andere Wege zu finden, Häuser zu bauen. Und es geht um die Ohnmacht der Handelnden. Denn die ist durchaus vergleichbar mit der Position des weiterdenkenden Solarvisionärs, der sich gegen einen ganzen Markt und die politische Sichtweisen stemmt. Hier sind es Bürger, die sich mit dem Planungsverband auseinandersetzen, bei Gericht mit Anwälten ringen. Sie finanzieren das Ganze aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und jedem Euro, den sie sonst noch auftreiben können. Und sie tun das, um ihre Heimat zu erhalten und den Frieden, der darin wohnt. Für sich und die nächsten Generationen.

Sie kämpfen sich dabei tapfer durch den deutschen Paragraphendschungel, der sie zwingt, gelegentlich juristische Hilfe zu buchen. Aber eben nur die nötigste, damit das Budget reicht. Und dies alles mit faden Aussichten auf Erfolg. Aber mit sehr viel Mut, Optimismus und einem verständlichen Ziel.

Verstehen wir uns nicht falsch: Das hier ist keine Anklage, dass ein „böses Unternehmen“ hier einfällt, um ohne Rücksicht auf Verluste Geld zu machen. Gewinnstreben ist per se weder schlecht, noch verwerflich. Es ist der Motor des Kapitalismus. Und machen Fragen wie die nach Funknetzen oder erneuerbaren Energien kann man nicht überall wegwägen, weil es immer jemanden gibt, den diese stören. ES geht auch hier mir nicht um die Frage, ob die Initiative Recht hat oder eher nicht. Denn Recht bleibt Recht und muss es bleiben.

Nein. Hier geht es um etwas anderes. Nämlich um die Frage, ob Menschen, die solche Interessen kollektiv und legitim verfolgen, dafür auch die Möglichkeiten und die Unterstützung erfahren, die sie vielleicht brauchen. Oder ob wir hier nicht im Kleinen wiederholen, was auf dem großen Weltmarkt auch schon nicht wirklich gut funktioniert. Als ich da gestern in der Kirche saß und der Diskussion folgte, da dachte ich sofort: Was für ein ungleicher Kampf. Und ich denke das ist, was wir ändern müssen. Zumindest in Fragen solcher Dimension in der zwei Ortschaften tangiert sind oder in der Endkonsequenz mögliche Enteignungen drohen.

Ich weiß nicht, wer hier Recht hat und wer es am Ende bekommen wird. Gefühlt frage ich mich, ob wir wirklich so wenig Sand auf der Welt haben, als das weitere 200 Hektar Kulturlandschaft sich in ein Loch verwandeln müssten. Als das Landwirtschaft in Zeiten von Knappheit Flächen verliert? Als das Menschen gegen ihren Willen enteignet werden sollen? Und ja: Als das mancher nach dem Flutbildern aus Süddeutschland den Glauben daran verloren hat, dass 100 Meter Abstand zwischen seinem Haus und dem geplanten Abbaufeld sicher sind? Ja, gefühlt habe ich einen Favoriten. Aber wir leben in einem Rechtsstaat. Zudem kenne ich das Verfahren nicht. Es ist also nicht an mir, in der Sache zu sagen, wer Recht hat. Ich meine aber, dass wir darauf achten müssen, dass auch die Kläger, also dieser kleine Verein im Beispiel, Waffengleichheit genießt! Und das nicht allein durch eine faktische Unterlegenheit bei Manpower und finanziellen Möglichkeiten, Verteidigung zu organisieren darüber entscheidet, wer am Ende die Nase vorn hat. Ein Grund, warum ich dringend eine Möglichkeit schaffen möchte, die Initiativen dieser Art dabei konkret unterstützt.

Und ist schließlich nicht Nachhaltigkeit inzwischen auch eine Frage, die in die Bewertung solcher Projekte hinein gehört? Also auch die Frage, ob es nicht nur profitabel, sondern gesellschaftlich sinnvoll ist, was in dem einen oder anderen Fall geschehen soll? Und können wir am Ende nicht auch einen Maßstab entwickeln, der ein vernünftiges abwägen der Interessen auf einer anderen Basis als der des Wirtschaftlichen erlaubt? Ich denke, das ist eine Aufgabe.

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