Von der Mehrung der Angler

Es war so. Ich habe mich erkannt. In Einstrichkeinstrich. Kommandiert von Vollidioten. Behelmt und mit Gasmaske. Später schwimmend in der Elbe. Bei Treibeis und Schiffsverkehr. Zum Aufwärmen vor der Übung. Dann sitzend auf einem Anker. Mit dem Pressluftgerät gegen die Strömung gestemmt. Feustel und Meißel und den gefühllosen Händen. Trübdunkler Fluss vor dem Gesicht. Kalter Strom im Nacken. Stahltrossen trennen. Luftblasen keuchen ins Dunkel. Sand knirscht in der Strömung. Ein Geräusch ohne Richtung aber überall. Sechs Minuten Normzeit. Für den Weltfrieden. Ich hab’s immer geschafft. Weltfrieden gab’s trotzdem keinen.

Später haben wir geräumt. 20 Jahre alte Wassersperren. Bis zum verweigerten Befehl, weil keiner wissen wollte, was in trüber Havelbrühe auf uns wartet. Die Pläne waren schon Geschichte bevor das Land es war, deren Besicherung sie einst beschrieben hatten. Eiligkeit statt Recht und Freiheit. Die Genossen Hauptleute waren jetzt „einer von uns“ und hatten längst den Reißwolf bemüht. Und wir hießen nun Herren und durften widersprechen. Wir taten das so unbeholfen, wie beim ersten Gespräch mit Siri. War es doch ebenso absurd und unfasslich. Und die Gesichter in die man sprach konnten den Zorn darüber kaum verdecken.

Lange her und doch drückt dies noch immer auf die Schläfen. Und kurz hat der Turm in seiner Überzeichnung dies alles auferstehen lassen. Und unfreiwillig das bestätigt, was ich gestern schrieb. Warum die Revolution, wenn dann doch alle mit der neuen Freiheit nicht besseres anzufangen wissen, als mehr angeln zu gehen? Die These des Exkulturgenossen – geplant als Irrwitz der Geschichte – ist wahr geworden. Wir angeln in den Warteschlangen der Kassenzonen unserer Welt. Wir angeln in der Garage, wenn wir das geliebte Leasingblech mit Elsterglanz auf Westglanz bringen. Wir angeln auf dem Allinclusive-Flug nach 14 Tage irgendwo. Und wir vergessen. Weil es einfach ist. Wir passen uns an, so wie wir es gelernt haben. Wir ballen die Faust in der Tasche. Wir könnten was tun, denn es würde uns nichts geschehen. Aber alle anderen sind ja sowieso angeln. Und so geht’s wieder nur um die Möhre vor der Nase, die uns jeden Tag aus den Federn lockt.

Vielleicht wachen wir in 20 Jahren noch einmal auf. Und dann fragen wir uns wie heute, warum wir nicht diejenigen waren, die die ersten Kerzen angezündet haben. Und unsere Kinder fragen uns so wie wir heute unsere Eltern fragen sollten, warum wir nichts getan haben. Wir sollten diesmal eine Antwort haben.

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