Liebe Augustusburger, es war ein langer Weg, ein langer Prozess. Ich bin seit heute Abend Mitglied der SPD. Ich, der niemals in eine Partei eintreten wollte, der in seinem Leben zwei Wählerlisten mit gegründet hat und als unabhängiger Bürgermeister wurde. Der diesen Gebilden sehr kritisch gegenüber stand (und auch noch immer steht). Ich habe mich entschieden, Farbe zu bekennen. Jetzt, wo alles auf den etablierten Parteien herumhackt. Was in aller Welt ist da passiert? Ich will versuchen, dies zu erläutern.

Seit dreieinhalb Jahren bin ich Bürgermeister unserer Stadt. Und dies bin ich wirklich gern. Auch wenn dies nicht immer – und insbesondere während der heißen Zeit der Flüchtlingswelle – ein Spaß ist. Seit dieser Zeit bin ich Bestandteil des Systems. Ein Etablierter im Klassische Sinne, denn ich werde vom Staat bezahlt. Von jenem Staat, der wir alle sind und der jetzt mehr und mehr ins Rutschen kommt. Durch Stimmungsmache, die – wie im Fall meines OB-Kollegen Dirk Hilbert – auch gerne mit Morddrohungen ihren Abschluss findet. Und hier sind wie bei einem ersten, sehr maßgeblichen Grund angekommen. Die Stimmung in unserem Land. Dieses „die da oben“, was unbestimmt durch unsere Wohlhabenheit wabert. Und ja, ich sage Wohlhabenheit, denn gemessen am Rest der Welt leben wir auch wenn es uns schlecht geht weit über dem, was Menschen sonst ihren Alltag nennen.

Und immer mehr wächst aus seltsamen, absenderlosen Verheißungen von vermeintlich „einfachen Lösungen“ für komplexe Themen das Gefühl, man könne das System von innen heraus nicht ändern und es brauche endlich eine neue Volksstimme. Doch das ist falsch. Keine AfD und kein Pegida löst irgendetwas, was andere nicht auch lösen könnten. Und es gibt viel mehr Gutes in unserem Land als wir wahrnehmen. Streng genommen ging es uns noch nie so gut wie jetzt. Doch noch nie war die Stimmung so trübe. Das hat Gründe. Darüber muss man reden. Dafür muss man aber auch eintreten. Denn vielmehr geht es darum, dass Menschen sich einbringen und etwas tun. Und darum, dass auch die Adressaten dieser Botschaften im System dies erkennen. Das haben wir verlernt. Beide Seiten. Auch wenn jedem klar ist, dass dies der Schlüssel für Lösungen ist. Nichts anderes. Ja, wir sind komplex, schwierig und an vielen Ecken verkrustet.  Ja, das stört auch mich gewaltig, denn dies bestimmt auch meine Arbeit. Dreieinhalb Jahre haben wir gebraucht, viele Ideen vom Gedanken bis zur Umsetzung zu bringen. In vielen Fällen zu viel Zeit. Doch dies zu ändern, braucht es Menschen, die das wollen. Und kein unbestimmtes System, dessen Ausprägung ich mir nicht vorstellen möchte. Und so war der erste Grund, mich einer jener „etablierten“ Parteien anzuschließen, um auf diesem Weg Veränderung mit zu gestalten. Und ja, Demokratie ist oft „nur“ Kompromiss. Aber dies ist nichts schlechtes. Und für mich alternativlos. Deshalb will ich zeigen, dass man gestalten kann. Mittun im System. Damit Demokratie funktioniert. Denn diese möchte ich gerne bewahren.

Der zweite Grund ist, was ich selber denke und fühle. Wer meine Wortmeldungen kennt weiß, dass mein Herz schon immer links von der Mitte zuhause ist. Und damit ist es eigentlich eine fast private Entscheidung, auch wenn dies als Bürgermeister natürlich nicht funktioniert. Ich will damit eigentlich nur sagen, dass sich an meinem Tun nichts ändern wird. Ich arbeite für unsere Stadt. Für uns hier. Für kein Programm, es sei denn, wir machen dieses selber. Es soll eher begründen, warum es am Ende die SPD war, die mich bewegt hat und das dies kein Statement für die Stadt selbst, sondern ein persönliches ist. Ich habe seit ungefähr eineinhalb Jahren ganz bewusst zahllose Parteiveranstaltungen besucht um zu hören, wer wofür steht und welche Köpfe was verantworten. Und wir haben viele Probleme bis nach Dresden tragen müssen, um Lösungen zu finden. Dabei habe ich seitens der SPD festgestellt, dass hier immer Türen offen waren. Und das es interessiert hat, was uns bewegt. Dies gab es sonst nur bei einer einzigen Ausnahme: Bei unserer CDU-Bundestagsabgeordneten Veronica Bellmann, deren Arbeit ich sehr schätze. Auch und gerade weil wir inhaltlich oft weit auseinander lagen, dies auch öffentlich austrugen. In der Sache aber sie immer da war, wenn wir Hilfe brauchten. Trotz aller Differenzen. Das – so denke ich- wird sich jetzt auch nicht ändern, denn ich bleibe ich, womit wohl auch die SPD leben muss. Fürchte ich 😉

Der letzte und nicht unerhebliche Grund sind natürlich auch Personen. Zum einen der Wechsel an der Spitze ganz oben der alten Tante SPD, der ein klares Bekenntnis zu Europa beinhaltet und ein „heute so und morgen so“ des Vorgängers hoffentlich vergessen macht. Und Europa ist nichts schlechtes. Im Gegenteil. Es war und ist eine friedenssichernde Maßnahme. Doch zurück in unseren Orbit. Es waren viel mehr Menschen auf der Landesebene, die ich kennenlernte und mit denen ich viele, viele Gespräche führte. Henning Homann zum Beispiel, der uns in Sachen Breitband maßgeblich geholfen hat (under viele Diskussionen mit mir erleiden musste) oder und auch Martin Dulig, dessen Art und Weise Politik zu machen mich einfach begeistert. Ich habe in meinem Leben viel mit Politikern zu tun gehabt. Auch, als ich selbst noch keiner war. Einen solchen stellvertretenden Landeschef aber habe ich noch nie getroffen. Unkompliziert, nah und in der Sache klar. Ohne Habitus, der einem solchen Amt eigentlich anhängt. Ein großer, wacher Junge, möchte man meinen. Und hier denke ich wird es Zeit für mich, eine solche Politik zu unterstützen. Und wenn es nur mit einer Stimme ist. Für mich steht er für ein Denken und Handeln, das uns vor vielem bewahrt hätte, was jetzt die Gesellschaft spaltet.

Ja. Einige werden sagen, ich wolle Karriere machen. Nun, wer dies denkt, der sollte auch bedenken, dass eine SPD-Mitgliedschaft in einem Land wie Sachsen jetzt alles andere ist, als ein Platz in einer Glücksrakete 🙂 Da hätte ich wohl ins Gefolge der CDU eintreten müssen. Ich folge meinem Gewissen. Und ich denke in diesen Zeiten, in denen eigentlich alles auf dem Spiel steht, sollte man Farbe bekennen.  Ich bin ein 89er. Ich weiß noch, was Unfreiheit bedeutet und für mich sind freiheitliche Grundrechte deshalb heilig. Ich habe Chancen bekommen und Niederlagen erleben müssen. Aber ich hatte es auch selbst in der Hand. Und ich darf denken, mich äußern. Wie im übrigen alle in diesem Land, solange man sich an Grundregeln hält und andere respektiert. Und auch wenn derzeit vieles im Argen liegt, so kann man es nur besser machen. Und das kommt von machen, also mittut. Nicht von meckern. Allen, die mich weiterhin bei meiner Arbeit unterstützen, danke ich schon jetzt dafür. Alle, die vielleicht irritiert sind möchte ich dazu ermuntern, mich weiterhin zu unterstützen. Ich bin ich. Und wer mich kennt weiß, dass es deshalb in dieser Zeit für mich unvermeidlich war, Farbe zu bekennen. Danke.

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