Vom stillen Tod

Wir haben es nicht bemerkt. Vier vielleicht fünf Wochen lang war er tot. In seiner Wohnung an der Straße, die viel befahren ist. 100 Meter Luftlinie von meinem Büro entfernt. Niemand hat es bemerkt. Warum auch. Er war alleine, das restliche Haus fast leer. Ein leiser, ein einsamer, ein trauriger und würdeloser Tod. Entdeckt an einem Samstagvormittag. Weil der Briefkasten vor Werbung überquoll und sich ein furchtbarer Geruch verbreitete.

Ich kenne den Toten nicht. Ich weiss nicht, was er tat, wie sein Leben war, was ihn beschäftigt hat. Ich weiss nicht, was er als letztes tat. Wahrscheinlich weiss das niemand. Ich weiss nur, dass es mich traurig macht. Hier bei uns. Wo jeder fast jeden kennt. Die Welt hat einen Riss.

Was heisst das nun? Ein Mensch ist tot. Das gehört zum Leben. Erledigt. Tagesordnung? Ich denke nicht, denn es zeigt auf, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn einer wochenlang nicht vermisst wird, dann ist das nicht nur traurig. Es ist ein Punkt in einer Entwicklung, einer Spirale, die sich unaufhaltsam dreht. Die Alten werden älter, einsam auch, weil Perspektiven für die jungen Menschen fehlen und zwischen Familien oft hunderte Kilometer liegen. Wer doch aufs Land kommt, baut meist im neuen Wohngebiet. So werden die alten Ortskerne einfach älter. Leerstand füllt die Alterslücken.

Alarmismus ist das nicht. Noch stimmen die Strukturen halbwegs. Was aber ist in zehn oder fünfzehn Jahren? Ich denke, wir müssen umdenken, müssen Wege finden, wie wir Anreize schaffen, den Leerstand im Altbestand zu füllen und eine Alterstruktur zu schaffen, die jung neben alt leben lässt. Hier würden alle profitieren, denn eine Mehrgenerationenstadt lebt voneinander, achtet aufeinander. Wir sollten ein Förderprogramm schaffen, die die Ansiedlung junger Familien in den alten Kernen fördert. Vielleicht aus dem Geld, das wir aus Grundstücksverkäufen gewinnen und das sonst im Haushalt aufgeht. Wir müssen Versorgung aufrecht erhalten, um lebenswert zu bleiben. Das muss der Weg sein, die Stadt- und Dorfkerne zu erhalten. In den kommenden 10 bis 15 Jahren wird dies ein grosses Thema werden und wir müssen eine Antwort darauf finden. Jetzt.

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2 Kommentare

  1. Habe eben den älteren Artikel gefunden. Wirklich traurig das sowas in unseren beschaulichen Orten möglich ist.
    Und ich gebe Ihnen recht. Ein Grund ist die Entvölkerung der Ortskerne. Familien ziehen in Baugebiete, Geschäfte schließen, jeder Weg wird mit dem Auto zurück gelegt. Man trifft sich nicht mehr auf der Straße. So fällt es auch nicht auf, wenn man den Nachtbarn tagelang nicht sieht.
    Ich stimme damit überein, das die Ortskerne belebt werden müssen,um dem entgegenzuwirken. Ich denke das in der momentanen Situation eine Förderung nicht diskutiert werden braucht. Aber die Stadt sollte sich ernsthaft überlegen, ob sie mit dem Festhalten an ausgewiesenen Schutzgebieten jungen Familien zusätzliche Kosten auferlegen, die sicher keine Anreize schaffen, in den alten Bestand in Ortskernen zu investieren.

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