Vom DU zum SIE

Gestern hatte ich die Ehre, auf verschiedenen Veranstaltungen zu sprechen, die den Tag festlich markieren sollten, an dem ein 14- oder 15jähriger offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wird. In meinem Leben war dies die alternativlose und systematisch gestaltete Jugendweihe. Schön zu sehen, dass dies heute ein Akt freier Gestaltung und Entscheidung ist. Schön auch zu sehen, dass dies die Schüler diesen selbst bestimmen und dies auch großartig bewältigt haben. Es macht Freude dies zu sehen und auch an dieser Stelle gratuliere ich noch einmal unseren Gymnasiasten zu diesem gelungenen und zugleich wichtigen Abend. Hier noch einmal der Wortlaut meiner Rede.

Was für ein Tag!
Alles dreht sich heute um Euch!
Ihr seid der Mittelpunkt!
Wegen Euch sind wir heute hier.
Doch was ist das für ein Tag?
Vom Du zum Sie! Gewaltig, doch was meint das eigentlich?
Nur eine andere Anrede? Oder ist das mehr?

Versuchen wir, die Antwort zu finden. Und das ist nicht ganz einfach.

Als ich so alt war wie ihr, da hieß mein Land noch DDR. Es war ein wenig eng und es herrschte ein ständiger Kampf um unsere Köpfe und darum, was wir denken sollten.
Das sollte nach Möglichkeit das sein, was der Staat meinte, das gedacht werden sollte. Ich lebte in zwei Welten. In der eigenen, die sich in meinem Kopf aus dem zusammenbaute was ich sah, hörte und riechen konnte. Und in der anderen Welt, in der ich ein FDJ-Hemd trug, weil dies fast alle taten und das Nichttragen nur Probleme bereitet hätte. Fragen stellte ich deshalb nicht. Es war eben so.

Ich erhielt die Jugendweihe, weil man die in der DDR eben erhielt, wenn man nicht aus einem Elternhaus kam, das eher die kirchliche Konfirmation proklamierte. Es gab ein Buch in dem stand, wie der sozialistische Mensch zu sein hatte. Das war mir irgendwie egal, denn eigentlich war der Tag schön, weil an diesem Tag die Familie endlich das Geld schenkte, aus dem das lang ersehnte Moped werden sollte. Und weil man am Abend sich das erste Mal einen Schwips beim heimlichen Weinflaschenleeren besorgte. Jetzt war man erwachsen! Endlich.

Am nächsten Tag kam der Kater. Und alles war wie vorher. Der Kampf um die Gedanken, die enge Welt in der man feststeckte und auch die Vorsicht, nicht allzusehr vom allgemeinen Kurs abzuweichen war immernoch da. Auch das gewünschte Geld. Aber auch das Verbot der Mutter, daraus ein gefährliches Moped werden zu lassen. Die erste Enttäuschung des kleinen Erwachsenen.

Ich hatte keine Ahnung von dem, was nur ein paar Jahre später auf mich zukommen sollte. Und nichts von dem, was heute mein Leben ausmacht, war damals annähernd vorstellbar. Das Großwerden der Welt nach dem Mauerfall. Der Fall dieser Grenze an sich. Unvorstellbar. Demokratie und Freiheit. Mit allen Vor- und Nachteilen waren mir plötzlich zugefallen. Verantwortung für mich und andere. Weil viele Menschen es so wollten. Ich war bis dahin Zuschauer und begriff: Alles ist möglich.

Und ich lernte auch: Vertrau Dir selbst, denn Du hast Vieles geahnt, gespürt aber Dir selbst nicht geglaubt, weil es nicht sein konnte, dass das Große Ganze um Dich herum nicht stimmen sollte. Ausgerechnet Dein Kindskopf sollte das erkannt haben? Das konnte doch nicht sein!

Warum erzähle ich Euch das? Ihr lebt in einer anderen Welt. Die Gedanken sind frei, alle Wege offen. Niemand, der Euch hindern kann, etwas ganz großes zu werden. Wenige aber auch, die Euch in dem unendlichen Dschungel aus diesen vielen Möglichkeiten, Nachrichten, Weltnetzen und facebook-Seiten Rat und Geleit geben können. Eltern, Lehrer vor allem aber Freunde braucht es hier. Keine Frage. Aber vor allem braucht es Euch selbst. Den Glauben an das, was Euch bewegt. Und das Wissen, immer die richtige Frage zu stellen. Deshalb wünsche ich Euch, dass Ihr mehr Vertrauen in das habt, was ihr denkt, fühlt und seht als ich es damals in mich und meine Gedanken hatte. Seit mutig und zieht eure Schlüsse. Hinterfragt Euch und andere und findet heraus, warum Dinge so sind wie sie sind. Bevor es wieder heisst, dass dies eben so ist. Und das man Dinge eben tut, weil es alle so tun.

Auch und gerade in einer freien Gesellschaft wie der unseren lauert die Gefahr der Verführung. Des Verlaufens auch. Nirgends werden freie und wache Geister mehr gebraucht als heute in unserer großartigen Zeit. Auch heute gilt wie damals: Alles ist möglich. Im Guten, aber auch im Schlechten. Das Wissen der Welt steckt heute in einem Telefon. Die Rechenleistung eines Smartphones würde reichen, die Apollo-Mondflüge zu steuern. Gebt acht, dass ihr mehr damit anstellt, als nur Selfies zu knipsen!

Das Land ist bereitet, hat Straßen, Plätze Infrastruktur und Europa hat die längste Zeit des Friedens erlebt, seit Generationen. Was für eine Voraussetzung! Was für eine Chance! Heute ist das der Anfang, Euer Eintritt in diese Welt der Möglichkeiten. Ich freue mich für Euch.

Ja, das alles steckt in diesem kleinen Wechsel eine Wortes.

Du? Sie? Gewaltig.

In ein paar Jahren werdet ihr ihr mehr und mehr damit beginnen, Verantwortung zu übernehmen, Eure eigenen Wege zu gehen. Ihr werdet wählen gehen, Berufe erlernen und Familien gründen. Ihr werdet Entscheidungen treffen müssen, die nicht immer leicht sind. Aber ihr werdet das meistern, wenn ihr an Euch und Eure Gedanken glaubt.

Ihr wachst in eine zufriedene Welt hinein. Das ist schön und mahnt doch zugleich zur Vorsicht. Schlaft nicht ein und vergesst auch nicht, an andere zu denken. Nehmt dies nicht als gegeben hin und seht, dass die Gesellschaft nicht an euerm Gartenzaun zuende ist. Engagiert Euch, bringt Euch ein. Auch wenn es nicht nur und ganz direkt um Euch nur geht.

Ich wünsche Euch – nicht zuletzt auch mit Blick auf den sich heute zum 70. Mal jährenden Tag der Befreiung von der Nazi-Greuel und dem Ende eines beispiellosen Millionentods – in erster Linie Frieden. In zweiter Linie wünsche ich Euch Gesundheit.

Zum Dritten wünsche ich Euern Eltern die Kraft, Euch in diese Erfahrungswelt entlassen zu können. Weil dies eine der schwersten Übungen ist, die Eltern zu meistern haben.

Und zuletzt wünsche ich Euch den Mut, an Euch selbst zu glauben. Denn das ist, was Zukunft gestaltet.

Heute. Gestern. Immer.

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