Gott save the Mittochässen

Nach der fünften Wahlwiederholung hatte ich endlich jemanden am Telefon. Ob man denn noch einen Platz für einen Wohnwagen übers Wochenende frei hätte, wollte ich wissen. „Das weiß ich doch nicht!“ Die Antwort kam prompt und assoziierte in Bruchteilen von Sekunden Zufriedenheit in meinem Kopf. Auf manches kann man sich eben verlassen. Auf die Schweizer Banken, das Gebrösel bei griechischem Feta und die Braunschweiger Atomuhr. Aber noch viel verlässlicher als dies alles zusammen ist das Kundenabwehrsystem des Kulkwitzer Campingplatzes. In der Gewissheit, der einzige Platz mit Anschluss an den wundervollen Kulkwitzer See zu sein, scheint man hier eine evolutionsartige Auswahl zu treffen. Wer hier her will, muss hart darum kämpfen. Zu deutsch. Die wenigen Plätze werden für die freigehalten, die dieser einzigartigen Kundenferne trotzen können. Die Elite des Campings. Die Creme de la Womo. Sie verstehen?

Zurück zum Telefonat. Das wohlige Gefühl des Vertrauten (wir haben hier im vergangenen Jahr bereits einmal einen Platz hart ergattert) wurde blitzartig vom Adrenalin verdrängt, das nun in meine Adern schoß. Bloß jetzt keinen Fehler machen. „Ähm. Ich dachte ja nur, weil es doch so heiß ist und wir mit einem Dreijährigen nicht umsonst zwei Stunden durch die Gegend gondeln wollen“, warf ich bewusst unsicher klingend ein. Das Ziel: Die Gegenseite in ihrer Überlegenheit stärken und den Ahnungslosen, Hilfsbedürftigen geben.  Sie wissen schon. Diesen „wie sage ich es meiner Familie“-Unterton. Der akkustische Dackelblick im satt klingendem Suizidal-Moll.  Das schafft Überlegenheit am anderen Ende. Und wer sich überlegen fühlt, macht Fehler. „Kommt drauf an, wann Sie kommen“, klingt es nun schon etwas offener zurück. „Wenn Sie bald kommen, könnte es noch klappen.“ Nein. Toi, Toi, Toi hat die Stimme nicht noch an den Satz dran gehangen. Aber man sollte dies dem Betreiber mal vorschlagen. Macht sich gut für die CI des Unternehmens: „Seenland – Wir wünschen Ihnen viel Glück…“Oder so ähnlich. Kann man noch dran feilen.  Nun könnten Sie ja sagen: Warum hat er denn nicht eher angerufen, als fünf Minuten vor den Angst? Hat er, kann ich sagen. Nützt aber nix, denn auf diesem Platz können Sie nicht reservieren! Hier geht alles nach dem Windhundprinzip. Wer zuerst kommt, parkt zuerst. Dieses Modell der Bewirtschaftung eines modernen Campingplatzes in Premiumlage heißt „Steinzeit“ und ist uns bestens aus der gleichnamigen Epoche der Mennschheit bekannt. Damals, als der Stärkere immer die Braut, das Mammut und die Höhle bekam.

Was nun folgte, war ein generalstabsmäßig geplantes Verlegen der Truppen nach Leipzig. Caravan aus der Halle holen, Klamotten rein und loooos. Denn die nächste Hürde heißt – ja Sie ahnen es schon – Jawoll! Mittoch! Halb zwölf schließt nämlich die Rezeption. Die ist zwar personell dual ausgerüstet und könnte somit die anrasenden (muss man ja) Gäste wie bei der Formel 1 eigentlich rund um die Uhr abwinken. Da aber alle großen Fehleinschätzungen mit „eigentlich“ beginnen, brauche ich die Realität nicht weiter zu schildern. Nach einer sportlichen Anreise stoppt also unser Gespann fünf vor halb an der Rezeption. Noch ein beherzter Sprint und ich bin drin. Und auch hier: Alles vertraut. Kein „Guten Tag“ oder gar „Herzlich Willkommen“. Stattdessen ein Mann im Rücken, der pünklichst die Tür hinter mir abschließt. „Keine Angst“, lächelt er mich schief an. „Ich lasse Sie dann wieder raus“. Das ich entgeistert dreinblickte hatte diese Reaktion provoziert. Mein Entsetzen allerdings hatte einen anderen Grund. Die Tür wurde direkt vor der Nase zweier Anreisender verriegelt, die Punkt halb die Klinke drückten. Um deren Dackelblick nicht sehen zu müssen, zieht der Mann noch ein Rollo die Scheibe runter. Es ist perfekt, dieses System, denke ich. Pech gehabt, denke ich zu meinem Erstaunen weiter. Und ehrlich. Ich fühlte mich gleich privilegiert. Ich hatte es geschafft. Sie sind wohl zum ersten Mal hier, möchte man zynisch lächelnd rausrufen. Pah! Anfänger! Aber keine Zeit. Das Checkin beginnt.

„Warn Sie schonmal hier?“ Die Frage überspringt die sonst üblichen Begrüßungsklauseln. Die Mikrowelle wartet. Was soll man da machen. Ich bejahe und weiß, dass ich damit kein weiteres Gespräch zu erwarten habe. Zack, zack. Rechnung raus, Geld über den Tresen. Duschschlüssel. Während des Ausfertigens erfahre ich noch einiges über das Betriebsklima und dass irgendwer die blaue Schüssel noch mit in die Mikrowelle stellen soll.  Natürlich bezahle ich alles in bar, weil das EC-Gerät mal wieder kaputt ist, was auch im vergangenen Jahr so war.  „Sonst noch was?“ Ähm, nein. Vielen Dank. Ich bin glücklich. Ich habe es geschafft.

Als ich die Rezeption verlasse denke ich, ich sollte hier nichtmehr herkommen. Als wir Stunden später in der Dusche stehend feststellen, dass der Duschstick nicht aufgeladen ist, wird dieser Gedanke zur Gewissheit.

Nachtrag: Wir mussten heute vorzeitig abbrechen, weil alle einer Sommergrippe erlegen sind. Eine Rückerstattung des vorausbezahlten Beitrages gab es nicht. Nur eine Erstattung des veritablen Guthabens auf dem Duschstick, das wegen des permanenten Mangels an warmen Duschwasser entstand (auch bei 39 Grad will ein Dreijähriger einfach nicht eiskalt duschen) wurde bewilligt. NIE WIEDER !

 

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