Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

imageParis in Trauer. Die Hauptstadt von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurde zur Zielscheibe von Terroristen, die mit unbeschreiblicher Brutalität über 120 Menschen töteten. Ich bin sprachlos und wütend. Sprachlos ob der Brutalität und der nicht zu begreifenden Lebensverachtung, die hinter den Taten steckt. Wütend auch, weil es einmal mehr Unschuldige traf. Weil es ausgerichtet war, uns alle und unsere Art zu leben im Mark zu erschüttern. Was auch gelang, wenn ich mir ansehe, was in den sozialen Netzwerken geschrieben und höre, was auf der Straße gesprochen wird. Was nicht gelingen darf, wenn wir uns nicht verändern lassen wollen.  Und ich bin wütend auch, weil einmal mehr reflexartig Kriegsretorik und Luftangriffe die Folgen sind. Nun werfen wir wieder Bomben, die wieder Bomben erzeugen werden. So ist es immer.

Ja, diese Anschläge zeigen, dass auch wir verletzbar sind. Und ja, diese Angriffe sind unendschuldbar, grausam, furchtbar. Doch bevor wir alle mit Abwehr reagieren und jeden Fremden unter Generalverdacht stellen, sollten wir einen Moment innehalten. Ist es wirklich der einzige Weg, Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass diese Form von Krieg nicht zu gewinnen ist. Nehmen wir Afghanistan. Was hat der Waffengang gebracht? War das Land schon vorher ein Trümmerfeld, so haben wir es nun nicht besser gemacht. Im Gegenteil. Aber dafür werden auch von dort hundertausende Menschen fliehen, denn sie haben nun gelernt, dass es für sie keine Zukunft in Freiheit dort geben wird. Denn der Westen geht wieder. Was aber bleibt, sind die Taliban die jeden gnadenlos verfolgen, der zuvor an Freiheit und Neuanfang glaubend den Westen unterstützte.

So war es in der Geschichte. Irak, Kosovo und irgendwann wird sich auch Syrien einreihen. Überall produzieren Kriege wieder Gewalt, töten Zivilisten und vertreiben Millionen Menschen aus ihrer Heimat. Und diese Menschen kommen nun zu uns. Menschen eines Glaubens, dem mutmaßlich auch die Attentäter angehörten. Sind sie nun alle mitschuld? Verfallen wir in alte Muster? Stellen wir Menschen nun wieder unter Verdacht, nur weil sie einem Glauben angehören? Das sollten gerade wir besser wissen.

Nein. So kann es nicht gehen. So darf es nicht gehen. Ja, wir brauchen Sicherheit und deshalb muss endlich Registratur und Ordnung einziehen. Unbestritten muss dies endlich erfolgen. Doch für dieses Chaos kann kein Flüchtling. Sie sind zum weit überwiegenden Teil vor dem geflohen, was nun in Paris passiert ist. Der Strom ist keine verdeckte Armee. Es sind Flüchtende Menschen, die alles zurückgelassen haben.  Sie haben mit den Anschlägen nichts zu tun. Auch wenn man nicht ausschließen kann, das auch hier einige wenige mitschwimmen, die nichts Gutes wollen.

Warum wurden wir davon überrascht?  Von etwas, was uns nicht hätte überraschen dürfen. Lange hatte es Warnungen gegeben, dass diese Menschenströme kommen könnten. Wir haben nicht reagiert. Auch das ist Teil der Wahrheit.

Was aber ist nun die richtige Reaktion? Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ein neuer Krieg nicht die Lösung sein kann, denn er generiert noch mehr Heimatlose und Tote. Vielleicht sollten wir damit beginnen, diesen Menschen keine Kalaschnikows, keine deutschen Sturmgewehre, keine Panzer zu liefern. Vielleicht sollten wir auch heute keine potenziellen Verbündeten ausbilden, die morgen ihren eigenen Weg gehen, der sich auch gegen unseren richten kann.

Wir müssen lernen, das friedliche Koexistenz der einzige Weg ist und die Welt noch andere Interessen hat, als diese in der Geostrategie des Westens unter Führung der Amerikaner vorgesehen sind. Dies zu ignorieren produziert jenen Hass, der junge Menschen zu potenzielle Attentätern macht. Wenn dieses stimmt, dann wird es ein langer, sehr langer Weg und des würde bedeuten, dass wir erkennen müssten, dass es nicht der Glaube ist, der tötet. Er ist nur das Instrument derer, die töten wollen. Nicht aber die Ursache. Diese liegt auch in uns und unseren Interessen und den Interessen unserer Bündnispartner.

Zäune und Grenzen werden uns nicht schützen. Auch wenn das viele Menschen instinktiv fordern, weil es Sicherheit suggeriert. Und weil wir nun Angst haben, was nachvollziehbar menschlich ist.  Aber auch das war eines der Ziele der Anschläge. Angst zu verbreiten. Unsicherheit und Uneinigkeit. Terrroristen sind sich der Tragweite ihrer Taten bewusst und wissen, wie sie unsere offene Gesellschaft treffen können. Auch und vor allem auf der psychologischen Ebene. Eine bisher in der Diskussion gespaltene Gesellschaft droht unter dem Eindruck einer solchen Tat vollends auseinanderzubrechen. Zwischen Pro und Contra ist beinahe nichts. Und dieses Nichts wird immer größer. Eine gefährliche Kluft.

Nur die Logik und unsere Freiheitsliebe werden uns helfen können. Auch Zäune und Mauern halten Attentäter nicht auf. Diese Sicherheit ist nur ein trügerisches Gefühl. Attentäter sind geschult, sind konspirativ. Wer eine Bombe legen will, der schafft es bedauerlicherweise auch. Und wenn der IS Ziele treffen will, dann wird er das versuchen.  Wir sehen es im Libanon, in Israel und anderswo.

So widersinnig es klingen mag: Unsere Offenheit, unser Freiheitswillen und unsere Grundwerte sind das, was uns stark macht. Wir dürfen nicht zulassen, dass die aus dem Schock resultierende Sprachlosigkeit nach den Anschlägen einem angstvollen und dauernden Schweigen weicht, das Luftangriffe und andere Vergeltungsmaßnahmen im Stillen rechtfertigt und zugleich unsere Werte in Frage stellt.

 

 

 

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