Das Papier stirbt. Es lebe der Journalismus!

Es ist schon einige Zeit her. Ich glaube, es sind sogar schon Jahre. Damals hatte ich ein Projekt bei der Frankfurter Rundschau. Und schon damals – Dumont war nichtmal in Sicht – schlich bereits der Tod über die Flure. Woran man dies erkennen konnte? Ganz einfach. Innerhalb von drei Wochen wurde das gesamte Projektteam einmal ausgetauscht. Nein, nicht weil die Kollegen nicht fähig waren. Sie waren nicht mehr da. Schon damals galt die gute alte FR als eine Art Teilchenbeschleuniger für die eigene Karriere. Anheuern, ein bisschen mitmachen und dann weiter bewerben. Mit dem Satz im Gepäck: „…und dann war ich bei der Frankfurter Rundschau.“

Nun ist die alte Dame insolvent. Ihr ist über Missmanagement und Profilsiechtum schlicht das Geld ausgegangen. Greece influenca. Nur eben hier. Bei uns. Tja und weil man dies nicht so einfach eingestehen kann, muss es einen Schuldigen geben. Am besten einen, den man nicht anrufen kann um zu fragen, ob dem wirklich so ist, wie behauptet wird. Und das sind nicht die Eigentümer, die durch Sparprogramme den Abwärtstrend nicht stoppen konnten, weil man mit Benzin kein Feuer löschen kann. Es lag auch nicht an der Führung des Blattes, dessen Profil in den vergangenen Jahren durch die sich ändernde politische Landkarte die Zielgruppe abhanden gekommen war. Was irgendwie keiner gemerkt haben will. Es lag auch nicht an der unklaren Ausrichtung des Geschäftsmodells. National, regional, scheiss egal.

Nein. Es ist das Netz. Das böse, alles kostenlos wollende Weltnetz hat es auf die FR abgesehen. Es gebahr Blogs, kostenlose Infopages und Anzeigendatenbanken, die den Anzeigenkunden schlicht und ergreifend einfach mehr Kontakte brachten als es das bedruckte Papier je konnte. Ein Haufen Drähte, Schaltkreise und Transistoren hat die gute alte Marke einfach so gekillt. Böse, böse Bites!

Das alles haben wir schon einmal gehört. Von der Musikindustrie, die immer behauptete, dass niemals Musik über das Netz verkauft werden würde. Olala. Bei solchen Aussagen klopft man sich in Cuppertino noch heute vor Lachen die Schenkel lila. Heute ist klar: Man wollte einfach nur weiter CD´s verkaufen. Dass es eigentlich um Musik ging, hatte man irgendwie übersehen. Und dass die Kunden lieber bequem im Netz das kaufen, was sie wirklich hören wollen, statt sich den 90sten Blödsampler kaufen zu müssen, damit man den einen Song hören kann, den man hören wollte. Das wollte man irgendwie nicht mitbekommen. Selbst ACDC, die wohl prominentesten Analogrocker, sind nun eingeknickt und bei iTunes präsent. Weil sie es sonst nämlich nichtmehr wären. Ganz einfach: Wer bei der Sendung mit der Maus nicht dabei ist, macht den Elefanten. Trööt.

Diese Diskussion führen nun Verlage. Und es ist eine ähnlich traurige, wie sie die Dudelindustrie inzwischen stillschweigendst zu verarbeiten sucht. Dabei geht es nicht um Netz, Papier, Tonspur oder sonstwas. Es geht um Ideen und es geht um ordentlichen Journalismus. Und es geht darum, dass der nicht kostenlos zu haben ist, was auch im Netz längst kein Geheimnis ist. Es geht nicht um den Träger, es geht um Inhalte und Wege, diese gewinnbringend zu vermarkten. Und der einzige, der sich wirklich Sorgen machen müsste, ist mein Postbote. Ich bin 41. Ich bin medienutzungsseitig gesehen ein Hybride. Ich kann Zeitungen noch entziffern und komme auch im Netz ganz gut zurecht. Alles nach mir kennt nur noch Netz und mobile Web. Papier ist ein seltener Szenebegleiter. Es sei denn, es ist so speziell bedruckt, dass es die Zielgruppe begeistert. Das kann Zeitung nicht. Zeitung ist breit, allumfassend, überblickend und wenn sie richtig gut ist auch einordnend. Damit eigentlich unverzichtbar. Aber eben auf der virtuellen Fernbedienung eines durchschnittlichen 18jährigen auf Platz 178 abgelegt. Zwischen ZDF und den Dritten. Und ganz weit hinter facebook, youtube und Co. Das ist wie FDP-Listenplatz 760 bei der nächsten Bundestagswahl. Das riecht nach Tod.

Es ist der Kanal, der gestört ist. Es ist die Art und Weise, wie Redaktionen gestrickt sind. Es sind falsche Themen und quere, selbstgefällige Schwebezustände auf Besserwisserwolken, die Klarsicht zum Boden verhindern. Journalisten, die sich als Zeitungsredakteure und nicht als Journalisten sehen. Und als alleinige Inhaber der Nachricht. „Hey, ich kenne den Minister persönlich“, sagt der Redakteur. „Toll, dann frag ihn doch, was ich ihn fragen würde“, sagt der Leser. Und wartet. Es sind aber auch kleingesparte Redaktionen, die die nun geforderte Alleinstellung gar nicht mehr produzieren können, weil im Akkord Seiten „geschoben werden“. Stress frisst Kreativität. Jeder weiss es. Keiner bewegt sich. Rette sich wer kann geht anders.

Aber: Das alles kann man ändern. Nähe zum Leser. Verständnis für die Wirkungsweise des Netzes. Neue Frequenzen der Aktualisierungen, schnellere und gründlichere Nähe zu dem was ist. Offenheit, Diskurs. Nicht von oben. Augenhöhe. Das Monopol der Nachrichtenverbreitung ist gebrochen. Was jetzt zählt, ist Qualität, Qualität, Qualität. Einzigartigkeit, Einzigartigkeit, Exklusivität, Nutzen und Schnelligkeit. Das unterscheidet. Das bringt den Leser weiter, hat einen Wert. Dafür zahlt er einen Preis. Und dieser Preis verdient mehr, weil er weniger kostet. Keine Papiertonnagen, keine Zustellerheere. Eine Datei auf einem Server. Zwischen den ganzen bösen Drähten und Schaltkreisen, die so tödlich sind für das Papier.

Und gut für den Wald. Und auch für den Journalismus. Warum also können wir nicht aufhören, von einer Krise in die nächste zu stürzen. Die Printauflagen sinken, weil sich das Mediennutzungsverhalten ändert. So what? Das war vor dem Netz schon so und wird auch nach dem Netz so sein. Wenn die kommenden Generationen diese Form nicht mehr wollen, wenn sie andere Themen haben und andere Interessen. Dann ist das eine Chance. Nicht in erster und einziger Linie ein Problem, das man wegsparen kann. Nein. Hier muss man Ideen entwickeln, Testballone starten und ausprobieren. Und vor allem: Investieren. In neue Technologien aber auch in Redaktionen und Qualität! Denn wer etwas verkaufen will, muss etwas haben, das jemand anderes braucht. Die Verlage haben jahrzehntelang Traumrenditen gefahren. Jetzt ist es Zeit, einen Teil dieses Geldes in die Zukunft des Journalismus zu investieren. Und damit in einen wichtigen Teil unserer freiheitlichen Grundordnung. Denn darum geht es eigentlich.

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