Seit heute Sozialdemokrat.

Liebe Augustusburger, es war ein langer Weg, ein langer Prozess. Ich bin seit heute Abend Mitglied der SPD. Ich, der niemals in eine Partei eintreten wollte, der in seinem Leben zwei Wählerlisten mit gegründet hat und als unabhängiger Bürgermeister wurde. Der diesen Gebilden sehr kritisch gegenüber stand (und auch noch immer steht). Ich habe mich entschieden, Farbe zu bekennen. Jetzt, wo alles auf den etablierten Parteien herumhackt. Was in aller Welt ist da passiert? Ich will versuchen, dies zu erläutern.

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Das Immer-doof-Prinzip. Heute: Wir bauen eine Straße

Wir dachten, wir tun etwas Gutes. Der Neubau der Straße am Friedhof in Augustusburg soll den Eingang in unsere Stadt verschönern und entgegen der Trekking-Strecke, die zuvor eher an Pfade in den Alpen erinnerte, einen freundlichen Zugang zur Stadt gewährleisten. Nun, da die Baumaßnahme nicht einmal fertiggestellt ist, wird bereits heiß diskutiert, was „die“ sich (also wir hier im Rathaus) da bloß wieder ausgedacht haben. Nun: Ja, wir haben uns etwas ausgedacht. Wir haben dies mit den zuständigen Gremien der Stadt diskutiert und beschlossen. Und ja, alles dort hat seine Begründung. Und doch ist wieder alles falsch. Ein nicht ganz ernst zu nehmender Projektblick. Wer Satire nicht mag oder verträgt, sollte jetzt auf das kleine Kreuz im oberen Eck seines Browserfensters klicken.

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Vom stillen Tod

Wir haben es nicht bemerkt. Vier vielleicht fünf Wochen lang war er tot. In seiner Wohnung an der Straße, die viel befahren ist. 100 Meter Luftlinie von meinem Büro entfernt. Niemand hat es bemerkt. Warum auch. Er war alleine, das restliche Haus fast leer. Ein leiser, ein einsamer, ein trauriger und würdeloser Tod. Entdeckt an einem Samstagvormittag. Weil der Briefkasten vor Werbung überquoll und sich ein furchtbarer Geruch verbreitete.

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We „SHARE“ overcome!

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie vehement Bewahrer ihrer Aufgabe versuchen nachzukommen. Gerade las ich im Spiegel einen Beitrag über das, was schon lange offensichtlich ist und was ich in verschiedenen Vorträgen bereits vor Jahren immer wieder verängstigten Managern vorausgesagt habe: Die gute alte wachstumsbasierte Wirtschaft wird still und leise von der Generation Napster links überholt. Und während die guten alten Riesen noch immer davon träumen, sich Märkte mit Kapitalkraft, Kartellen, Lobbyisten und Juristenhilfe zu sichern, haben längst andere Angebote ihren Weg genommen. „Teilen ist mehr“ ist das Motto. Warum selbst besitzen, wenn man etwas genau dann mieten kann, wenn man es braucht? Diese Frage ist die entscheidende. Und deren Antwort auch, denn diese lautet ja. Und damit beginnt das Drama, denn dieses kleine ja hebt unsere Sicht der Welt und deren Wirtschaft schlicht aus den Angeln.

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Weltall, Erde, MeckPom

Nunja. Sie haben die Ostsee, den schönen Sand, den Darß. Und ja: Sie haben bei der Verteilung der gottgegebenen Bestvoraussetzungen damit echt Schwein gehabt, um es mal so zu sagen. Allerdings bin ich mir nach beinahe einer Woche langersehntem Küstenurlaub relativ sicher, dass den hier lebenden Ureinwohnern nicht bewusst ist, was das Pleistozän ihnen als Starthilfe hinterlassen hat. Oder sie sind dem Missverständnis erlegen, dass viel Sand auf dem Boden die Existenz einer Servicewüste rechtfertigt. Denn in selbiger sind wir gelandet. Und um es vorweg zu sagen: Dieser Text sollte auch uns zuhause beschäftigen, denn er beantwortet die Frage, wie der Gast manchmal das sieht, was wir als Angebot empfinden.

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Endlich! Erdhansa erobert den nahen Osten.

Wenn man jeden Tag 200 Kilometer pendelt, dann kann man was erleben. Gelangweilte Vertreter, erkennbar am uneiligen Standardpassat, die die Strassen mit dem Abbummeln ihrer Arbeitszeit (Sorry Chef, stand im Stau) ebenso verstopfen, wie die unvermeidlichen Tschechenbrummis, die teils nur vom Rost zusammengehalten ungebremst durch lärmgeplagte Ortschaften brettern, um den Aufschwung Fernost mautneutral am Leben zu erhalten. Da kann es schonmal sein, dass man vom freundlichen 40tonner erst angeblinkt und schlimmstenfalls einfach untergepflügt wird. Unverantwortlich in Zeiten von extremen Fachkräftemangel. Und wenn man dann doch wider Erwarten unversehrt abends auf der Couch landet, nachdem man sich durch diesen Highway-Krieg gezuckelt hat, schlägt die folgende Nachricht ein wie eine Bombe: Die deutsche Bahn erobert den nahen Osten! Endlich! Schnelle Verbindungen nach Chemnitz, Erfurt und ja, sogar nach Aue. Tausende Pendler entspannt im Kuschelsitz, versorgt mit Pünktlichkeit und Kaffee. Abertonnen Billigprodukte aus Tschechien auf der Schiene. Tausende Rostbomber verschrottet, Thänkyou for Träveling endlich auch für mich! Moment. Irgendwo muss das einen Haken haben. Nein, ich meine nicht den Punkt mit der Pünktlichkeit. Ein bisschen flunkern kann man ja mal. Nein, es muss was anderes sein. Mmh. Ja klar! Zuendelesen den Artikel. Das war’s. Denn die Bahn meint nicht den ganz nahen Osten, sie meint den nahen Osten. Die Ecke, wo der liebe Gott direkt unter den Gebetsteppichen der Mullas unser schönes Öl verbuddelt hat. Dort will man wachsen. Nicht hier. Hier ist kein Platz für ein modernes Verkehrsunternehmen. Im Land der Autos, der Beton- und Asphalt-Kartelle und der Pendlerpauschale gibts keine Lobby für ein dichtes Schienennetz. Und im Rentenosten zudem auch bald keine Pendler mehr. Aber im nahen Osten, da schwingt sich der Landmann künftig in den ICE ohne Klimaanlage. Für ein Jahresgehalt eines durchschnittlichen Kameltreibers zwar, aber das können wir ja aus Steuermitteln fördern. Und auch die Konkurrenzlatte liegt nicht eben hoch. Da gilt es nur das Kamel in Sachen Pünktlichkeit abzuhängen. Und das sollte selbst die Erdhansa hinbekommen. Nochzumal ein Großteil der Fahrgäste nur Sanduhren benutzt. Und damit das auch klappen kann, haben die Schienenheinis auch gleich mal Magdeburg vom ICE-Netz abgekoppelt. Dort werden dann vermutlich Kamele den Pendelverkehr übernehmen. Schön langsam, voll Bio und ohne Neigetechnik. Allerdings wird das Sachsen-Anhalt nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich pendelt die halbe Landesverwaltung nach Hannover. 20 Jahre nach der Wende hat man noch keine adäquaten Ostkräfte gefunden. Und nach der Umstellung der Landwirtschaft auf Genmais zur Energiegewinnung (dort züchtet man schon R6-Kolben) kriegt man die Viecher ja nicht satt. Und so wird das wohl nix mit der Kamel-Brücke. Und der Oberminister hat auch schon machtvoll insistiert. Da werden die Weichensteller in Berlin aber mächtig zittern.

Von der Mehrung der Angler

Es war so. Ich habe mich erkannt. In Einstrichkeinstrich. Kommandiert von Vollidioten. Behelmt und mit Gasmaske. Später schwimmend in der Elbe. Bei Treibeis und Schiffsverkehr. Zum Aufwärmen vor der Übung. Dann sitzend auf einem Anker. Mit dem Pressluftgerät gegen die Strömung gestemmt. Feustel und Meißel und den gefühllosen Händen. Trübdunkler Fluss vor dem Gesicht. Kalter Strom im Nacken. Stahltrossen trennen. Luftblasen keuchen ins Dunkel. Sand knirscht in der Strömung. Ein Geräusch ohne Richtung aber überall. Sechs Minuten Normzeit. Für den Weltfrieden. Ich hab’s immer geschafft. Weltfrieden gab’s trotzdem keinen.

Später haben wir geräumt. 20 Jahre alte Wassersperren. Bis zum verweigerten Befehl, weil keiner wissen wollte, was in trüber Havelbrühe auf uns wartet. Die Pläne waren schon Geschichte bevor das Land es war, deren Besicherung sie einst beschrieben hatten. Eiligkeit statt Recht und Freiheit. Die Genossen Hauptleute waren jetzt „einer von uns“ und hatten längst den Reißwolf bemüht. Und wir hießen nun Herren und durften widersprechen. Wir taten das so unbeholfen, wie beim ersten Gespräch mit Siri. War es doch ebenso absurd und unfasslich. Und die Gesichter in die man sprach konnten den Zorn darüber kaum verdecken.

Lange her und doch drückt dies noch immer auf die Schläfen. Und kurz hat der Turm in seiner Überzeichnung dies alles auferstehen lassen. Und unfreiwillig das bestätigt, was ich gestern schrieb. Warum die Revolution, wenn dann doch alle mit der neuen Freiheit nicht besseres anzufangen wissen, als mehr angeln zu gehen? Die These des Exkulturgenossen – geplant als Irrwitz der Geschichte – ist wahr geworden. Wir angeln in den Warteschlangen der Kassenzonen unserer Welt. Wir angeln in der Garage, wenn wir das geliebte Leasingblech mit Elsterglanz auf Westglanz bringen. Wir angeln auf dem Allinclusive-Flug nach 14 Tage irgendwo. Und wir vergessen. Weil es einfach ist. Wir passen uns an, so wie wir es gelernt haben. Wir ballen die Faust in der Tasche. Wir könnten was tun, denn es würde uns nichts geschehen. Aber alle anderen sind ja sowieso angeln. Und so geht’s wieder nur um die Möhre vor der Nase, die uns jeden Tag aus den Federn lockt.

Vielleicht wachen wir in 20 Jahren noch einmal auf. Und dann fragen wir uns wie heute, warum wir nicht diejenigen waren, die die ersten Kerzen angezündet haben. Und unsere Kinder fragen uns so wie wir heute unsere Eltern fragen sollten, warum wir nichts getan haben. Wir sollten diesmal eine Antwort haben.

One step Closer to knowing

Wir haben es vergessen. Wir haben vergessen, wie die Schornsteine rochen. Wir haben das allseitige, allbestimmende Grau verdrängt, das uns bestimmte. Wir haben vergessen, wie selektiv wir ehrlich waren. Wir haben vergessen. Über das neue Grau, das nun bunt ist haben wir uns gefreut bis auch dies zur Last wurde. Wir haben die Zwänge getauscht. Lastwechsel in Kopf und Seele. Aber wir haben auch gewonnen. Freiheit, soweit wir diese unter Hypothekenlast und Krisenahnung noch spüren. So wichtig und doch so groß, als das man sich jeden Tag daran erfreuen könnte. Wir sollten, denn das was war, war so schlimm, dass wir alle fast alles vergessen haben.

Ich brauche keinen lindsatztriefenden TURM um zu erinnern. Ich brauche keinen Gewissensgauck. Ich rieche den Holunderduft meiner Bahndammkindheitsverstecke. Ich fühle noch immer die Leichtigkeit des Kindseins. Damals. Am Rand der grauen, in sich versinkenden Divastadt, die alten Zeiten nachtrauernd bedeutend unbedeutend war. Keine Last, weil man sie nicht sehen konnte. Im Kindskopf gab es keine Redegrenzen. Das ist, was Schlechtes überlagert. Mit einer wohligen Kuscheldecke aus sorgenfreier Heimatzeit. Verklärt von 20 Jahren Dauerlauf im neuen Stadion. Wer weiss da schon noch, wo er mal losgelaufen ist? Und ich sehe gewendete Geschichten. Menschen von damals, die heute schon immer ganz anders waren. Keiner, der sich verantwortlich sieht. Man musste, weil man nicht anders wollte. Anders ist anstrengend. Anders ist weit draussen. Weit vor der Zwölfmeilengrenze der privaten Wohlfühlzone, die heute hübsch renoviert die neue Welt markiert. Zuhause ist die Welt die eigene.

Zwei Jahrzehnte in neuem Takt. Doch ist der anders? Reden kann man, wenn man es sich leisten kann. Nicht, wenn man was zu sagen hat. Und ob einer zuhört im babylonischen Getön ist oft die Frage, ob man Iro trägt und ständig twittert. Die Grenzen gelten nur für die, deren Konto sie Zuhause hält. Aber einmal Mallorca geht immer. Brot, Reisen und Privatfernsehen. Und ein bisschen Gaspedal durchtreten. Damit man anders ist. Schau mal, ich trau mir eine 120 auf 100er Strecke. Ich bin nicht konform. Ich mach mir meine Regeln. En bisschen Rock’n’Roll. Aber um sieben müssen wir zuhause sein. Da gibts Essen. Die Umwelt. ja, die hat gewonnen, denn die machen wir ein bisschen langsamer kaputt als früher. Dafür verpacken wir das besser. Und sonst? Viel Langeweile, die man am Samstag zum Baumarkt trägt. Oder ins neue Shoppingcenter. Nur nicht nachdenken. Immer schön konjunkturen, damit der Kahn unter Dampf bleibt. Jetzt, wo halb Europa feststellt, dass die Party vorbei und das Ende in Sicht ist. Die Kapelle spielt. So schlimm kann’s ja nicht sein.

Da war doch nochwas. Achja, die Freiheit, die wir uns so wünschten und die die meisten weder gestern noch heute vermissen. Diese Freiheit ist schon ein bisschen lästig, will sie doch gelebt sein. Wo wir uns doch lieber leben lassen. Die Freiheit muss warten. Bis wir mal Zeit haben für sie. Oder sie uns einer wieder wegnimmt. Ganz heimlich. Während wir beim OBI an der Kasse stehen.